2 ZIELE UND PROBLEMSTELLUNG
2.1 Ziele
2.2 Problemstellung
2.2.1 Definition "Hofgemeinschaft"
2.2.2 Idee der biologisch-dynamischen Hofgemeinschaften
2.2.3 Entwicklung dieser Idee, Geschichte
2.2.4 Die sozialen und organisatorischen Strukturen einer Hofgemeinschaft und damit verbundene Probleme
2.3 Eigene Erfahrungen und Fragestellung (Situationsbeschreibung)
2.4 Einige Beispiele von an Konfliktpotential reichen Themen und Situationen - geschildert nach eigenen Erfahrungen





2 Ziele und Problemstellung

2.1 Ziele

Ziel dieser Arbeit soll es sein, einen Überblick über die vorhandenen Konflikte auf Hofgemeinschaften geben zu können, deren Ursachen und Auswirkungen sowie den Umgang mit ihnen darzustellen.

Außerdem soll anhand von Literatur das Ergebnis der Befragung auf Plausibilität überprüft werden, ob es der "offiziellen" Meinung entsprechend ist.

Wichtig ist mir außerdem, daß Lösungsvorschläge für die Bewältigung der konfliktreichen Situationen gegeben sind.

2.2 Problemstellung

2.2.1 Definition "Hofgemeinschaft"
Den Begriff "Hofgemeinschaft" konnte ich in keinem Lexikon finden. Das erste Wortteil ‚Hof' wird im BERTELSMANN-Lexikon (1992) mit ‚landwirtschaftlicher Betrieb' definiert. Bei der ‚Gemeinschaft' gibt es drei Bereiche, in denen dieser Begriff verwendet wird. In der Philosophie wird der Zusammenhang von Substanzen (z.B. die Frage nach der Gemeinschaft von Leib und Seele) gestellt, im Rechtsbereich begründet er die gleichen Anteilsrechte für alle Mitberechtigten (wenn gesetzlich nichts anderes bestimmt ist), und in der Soziologie schließlich hat F. TÖNNIES (1887) den Begriff eingeführt, mit dem Familienleben, Dorfleben, Sitte, Brauch u.ä. dargestellt werden soll. In einer Hofgemeinschaft finden sich alle diese Aspekte wieder. In Diplomarbeiten (z.B. WICK 1998, S. 29) finden sich Merkmale wie "Zusammen leben und arbeiten" als Definition für Hofgemeinschaft, was meiner Ansicht nach zu kurz gegriffen ist: Das tun auch Meister und Lehrling oder Geselle - nur mit sehr unterschiedlichen rechtlichen Stellungen!

In diesem Fall muß eine aus dem Leben gegriffene persönliche Definition gegeben werden, was ich unter Hofgemeinschaft verstehe. Vorweg aber eine Abgrenzung zur Betriebsgemeinschaft. Hierunter wird i.d.R eine Personengesellschaft verstanden (GbR nach BGB (Bürgerliches Gesetz-Buch) oder eine KG...), die den Hof gemeinschaftlich führt, mit gleichen Rechten und Pflichten (vergl. a. KÖNIG 2002; KALKA 1998, S. 4). Historisch gesehen wurde der Begriff in den Jahren um 1920 geprägt, als die Arbeitnehmer sich im Rahmen der Gewerkschaften ein größeres Mitspracherecht und Anerkennung ihrer Bedürfnisse vor den Arbeitgebern errungen hatten (Gleichberechtigung).

Eine Hofgemeinschaft (HG) umfaßt für mich alle Menschen, die auf dem Hof leben und/oder arbeiten. Dabei ist es gleichgültig, ob sie nun ein Mitglied der Betriebsgemeinschaft (BG) sind oder Familienangehöriger eines ‚Betriebsgemeinschaftsmitgliedes' (BG-Mitglied) bzw. Angestellter des ‚Hofes' (also der Betriebsgemeinschaft). In der Praxis besteht aber zwischen den Personen, die die Hofgemeinschaft bilden, kaum ein Unterschied, ob sie nun zur ‚Betriebsgemeinschaft' gehören, ob sie ein (erwachsenes) Familienmitglied mit Managementfunktion für einen Bereich darstellen oder ob sie ein Angestellter mit verantwortungsvollem Posten sind.

Häufig wird Betriebsgemeinschaft als Synonym für Hofgemeinschaft verwendet. Dies soll hier aber streng unterschieden werden. Aus dem Grund, weil die BG-Mitglieder verantwortungsvollere rechtliche Stellungen haben als diejenigen, die ‚nur' HG-Mitglied sind, und außerdem weil der ‚Betrieb' eher eine wirtschaftliche Seite anspricht, der ‚Hof' auch eine soziale Seite, zumindest im Verständnis der biologisch-dynamisch wirtschaftenden Höfe (siehe ‚Idee der Höfe/Entwicklung der Idee'). Das GABLER WIRTSCHAFTSLEXIKON (1993) sagt zum "Betrieb:... in der Land- und Forstwirtschaft: Technisch-wirtschaftliche Einheit, die für Rechnung eines Inhabers (Betriebsinhaber) bewirtschaftet wird, einer einheitlichen Betriebsführung untersteht und land- und/oder forstwirtschaftliche Erzeugnisse hervorbringt".

Wenn der Hof nach den DEMETER-Richtlinien arbeitet, ist es ein biologisch-dynamisch wirtschaftender Betrieb. Diese Wirtschaftsweise beruht auf dem "Landwirtschaftlichen Kurs" Rudolf Steiners, den er 1924 in Koberwitz gehalten hat. Er ist auf der Grundlage der Anthroposophie zu sehen und beinhaltet eine Darstellung, wie wir Menschen die Natur sehen und mit ihr umgehen sollten (R. STEINER, 1924).

Eine "durchschnittliche" Hofgemeinschaft in Nordwestdeutschland, die biologisch-dynamisch wirtschaftet, ist sehr vielfältig (KÖNIG 2002). Es arbeiten dort 13 Arbeitskräfte (AK) - aus mehreren Familien, Angestellte, Lehrlinge und Praktikanten, Betreute - in Bereichen, die der direkten landwirtschaftlichen Urproduktion entsprechen (Ackerbau, Tierhaltung, Gemüsebau), aber auch in weiterverarbeitenden Bereichen (Käserei, Bäckerei), der Vermarktung, Hauswirtschaft oder im sozialen Bereich (Betreutenarbeit). Der durchschnittliche Hof bewirtschaftet seit den frühen 70er Jahren knapp 100 ha biologisch-dynamisch, seit Mitte der 80er Jahre in Form einer Hofgemeinschaft. Zusätzlich zur Arbeit nimmt die soziale Komponente einen zentralen Stellenwert ein, die durch gemeinsame kulturelle Veranstaltungen und gemeinschaftliches Alltagsleben gestaltet und zu leben versucht wird (vergleiche auch "Entwicklung der Idee, Geschichte").

Ein Mitglied einer Hofgemeinschaft beschrieb ‚Hofgemeinschaft' einmal folgendermaßen: Die Menschen wollen zusammen arbeiten und zusammen leben mit der Stimmung, daß sie gerne da sind, es sollen vielfältige Begegnungen stattfinden können, ein offenes Haus für alle da sein, und außerdem wollen die Hofgemeinschafts-Mitglieder offen sein für Zeitaspekte.

Um eine allgemein gültige Definition oder Umschreibung des Begriffes ‚Hofgemeinschaft' zu erhalten, müßten Diplomarbeiten und sonstige Schriften, die sich mit diesem Thema befassen, einmal aufgearbeitet werden und evtl. umfangreiche Umfragen durchgeführt werden. Das meiste Wissen in diesem Bereich haben die Landwirte selbst, das steht aber nur mündlich zur Verfügung.


2.2.2 Idee der biologisch-dynamischen Hofgemeinschaften
Der Ursprung der biologisch-dynamischen Hofgemeinschaften ist in zwei Umständen zu sehen: in der Wirtschaftsweise und in den Zeitereignissen der 60er und 70er Jahre.

Die Wirtschaftsweise, begründet im "Landwirtschaflichen Kurs" von R. STEINER, beinhaltet nicht nur den achtungsvollen Umgang mit Tier und Pflanze und Boden, sondern ebenfalls den Umgang mit Menschen. So sagte Dr. Erhard BARTSCH vor nunmehr fast 50 Jahren: "Die Landwirtschaft muß kulturschaffend sein, oder sie wird gar nicht sein" (zit. In GROH, 1985, S. 16). Und unter dieser Kultur wird sowohl die Kultivierung von Pflanzen und Tieren gesehen, als auch die Entwicklung der menschlichen Kultur. HOPPE (1990, S. 102) beschreibt dies folgendermaßen: "Indem sich aber der Mensch, verantwortungsbewußt strebend und übend, als Geisteswesen außerhalb von Raum und Zeit erkennt und ergreift, offenbart sich ihm die Natur von ihrer geistigen Innenseite: Er kommt zu einem neuen und wesensgemäßen Handeln an und mit der Natur, aber ebenso auch an und mit seinen Mitmenschen." Um dieses Handeln zu üben ist eine Gemeinschaft sinnvoll, deren Mitglieder auch diesen Anspruch an sich haben, "bewußt an der Erde und zugleich an sich selbst [zu] arbeiten...." (HOPPE 1990, S. 102). SATTLER & WISTINGHAUSEN (1989) sagen, daß zu den Aufgaben der Landwirtschaft

1. "die Erzeugung qualitativ hochwertiger Nahrung aus den Kräften des Betriebes heraus,
2. die Erhaltung und Verbesserung der Landschaft und ihrer natürlichen und kulturellen Werte,
3. die Ausbildung junger Menschen und ihre Heranführung an eine sinngebende Arbeit zum Wohle aller,
4. die Mitwirkung bei Versuchs- und Forschungsarbeiten zur Entwicklung dieser naturgemäßen Landbaumethode [sowie]
5. die Pflege kulturellen Lebens innerhalb des Hofes in Gemeinsamkeit mit dem sozialen Umkreis" gehören.

Es ist deutlich, daß die sozialen und menschlichen Belange wichtiger sind als die ökonomische (gewinnbringende) Seite.
In der Bewegung der 68er Revolution und der Ökologiebewegung Mitte der 70er Jahre zeigte sich, daß immer mehr Menschen für Demeter-Landwirtschaft und für Hofgemeinschaften offen waren. Daraus ergab sich ein reges Interesse, diese neue Form der Gemeinsamkeit auch selbst zu leben und mitzugestalten (KLEMMER 1993).

2.2.3 Entwicklung dieser Idee, Geschichte
Seit dieser Zeit der ersten "Aussteigerbewegung" haben immer mehr Menschen Interesse daran gezeigt, einen neuen Umgang mit Natur und Gemeinschaft zu erproben. Aus Kommunen und Wohngemeinschaften, aus dem Versuch "alle machen alles" (Jobrotation, typisch für Kommunen), aus der Idee eines anderen Umganges miteinander als des üblichen und dem Wunsch, ökologische Produkte zum Essen zu haben, (die damals noch schwer zu bekommen waren), bildeten sich Gruppen, die sich dieses zum Ziel setzten, um im täglichen Miteinander und Füreinander verschiedenste Umgangsformen zu probieren, die sich mit der Zeit und der Erfahrung entwickelten. Ebenso entwickelten sich die Höfe, die zusätzlich zur Urproduktion auch einen Teil der Weiterverarbeitung (Milchprodukte, Getreideprodukte) übernahmen, auch um die häufig schwache finanzielle Situation zu überwinden. Doch gerade dieser Umstand der widrigen Umwelt ist als hilfreich für eine Festigung des Gruppenzusammenhaltes einzustufen (vergl. HOFSTÄTTER, Gruppendynamik, 1986).

Weil aber Individuen mit individuellen Zielen jeweils mit Gleichgesinnten nach ihren eigenen Vorstellungen die neuen Gemeinschaften gestalteten, sind die Betriebe bis heute sehr unterschiedlich, der "Gründergeist" lebt in den Gemeinschaften in gewissem Maße fort. Genauso, wie einzelne individuelle Menschen diese Hofgemeinschaften bilden, stellen die Hofgemeinschaften als Individuen auch eine Gemeinschaft (der Hofgemeinschaften) dar. Genauso wenig wie ein einzelner Mensch die Gruppe darstellen kann, der er angehört, kann ein Hof ‚die' Hofgemeinschaft symbolisieren. Nur gemeinsam bilden alle Hofgemeinschaften ‚die' Hofgemeinschaft (siehe auch Definition).

2.2.4 Die sozialen und organisatorischen Strukturen einer Hofgemeinschaft und damit verbundene Probleme
Im folgenden soll ein ‚typischer' Hof dargestellt werden, damit der Leser sich eine Vorstellung von den Umständen zu bilden vermag, auf die in der Arbeit immer wieder Bezug genommen wird.

Der durchschnittlich gut 100 ha große Hof in Norddeutschland (mittlere bis schlechte Böden, d.h. ca. 20 bis 60 Bodenpunkte) mit Gemüse (ca. 3 ha), (Samenbau), Acker (ca. 50 ha), Grünland (ca. 30 ha), (Wald) und mit einigen Kühen (ca. 30) und Nachwuchs, ein paar Sauen (ca. 4) und Mast (ca. 30 Tiere), manchmal mit Pferden, Ziegen, Hühnern, Gänsen, Bienen... wird von ca. 8 Verantwortlichen, vielen Kindern, Jugendlichen oder manchmal auch Menschen, die nicht alleine leben können, sowie von mehreren Lehrlingen, Schülern, Praktikanten, Kunden, Freunden, Helfern und offiziellen "Angestellten", Mitarbeitern bewirtschaftet und belebt. Meistens bestehen "Arbeitsbereiche", die sich normalerweise untergliedern in Acker, Stall, Gemüse, Verarbeitung (Bäckerei, Käserei), Vermarktung, Hauswirtschaft, Verwaltung, Reparaturen/Schlosserei und manchmal noch Pädagogisches, Touristisches... Die Gemeinschaft hat sich durchschnittlich 1984 gefunden. Ein gemeinnütziger Verein ist meistens Eigentümer des Hofes (Grund und Boden und Gebäude, entsprechend der Idee der "sozialen Dreigliederung" von R. STEINER). Der Verein will die Landwirtschaft, die Forschung, die Ausbildung und Pädagogik fördern. Ein bedeutendes Augenmerk der Hofgemeinschaften dient der (selbstgestalteten) Kultur wie Singen, Theaterspielen, Lesen aber auch Landschaftsgestaltung usw. .

Um verschiedene "Stufen der Verantwortung" zu bilden und somit ein langsames "Hineinwachsen" in die Verantwortung zu gewährleisten, wird manchmal eine Form von Gemeinschaften ins Leben gerufen, bei der Menschen arbeiten, die die volle Verantwortung (auch finanziell) tragen, andere, die ihre Arbeitskraft einbringen und für einen begrenzten Betrag bürgen, und einige Menschen, die nur Bürgschaften übernehmen. Finanzielle Bedürfnisse können meistens aus einer gemeinschaftlichen Kasse (mit gewissen Begrenzungen) bestritten werden, die meisten Lebensmittel werden ohne Abrechnung direkt vom Hof bezogen. Stehen langfristige Entscheidungen an, so werden diese im Konsens meist wöchentlich mit allen Verantwortlichen getroffen und getragen. Fachliche kurzzeitige Entscheidungen werden von den Verantwortlichen für ihren Bereich eigenverantwortlich getroffen. Gibt es bereichsübergreifende organisatorische Dinge zu klären, dient dazu ein wöchentliches oder tägliches Treffen (Arbeitsbesprechung), bei dem alle Menschen des Hofes gemeinsam die Arbeiten der kommenden Woche (oder Tage) besprechen.

Die soziale Komponente ist der Hofgemeinschaft sehr wichtig. So kommen nicht nur viele Praktikanten und Lehrlinge auf den Hof, deren Weiterbildung der Hofgemeinschaft am Herzen liegt, sondern es leben häufig auch Menschen auf dort, die alleine nicht leben können (Betreute), und es ist von den meisten Höfen angestrebt, auch älter werdende Menschen vom Hof aufzunehmen und bei Bedarf zu pflegen.

Das soziale Zusammenleben sieht so aus, daß es i.d.R. drei oder vier Familien gibt, die jeweils einen Haushalt führen. Die Lehrlinge, Praktikanten, Schüler und Betreuten sind entsprechend ihrem Arbeitsgebiet in die Haushalte integriert und werden dort beköstigt, sie wohnen aber in Wohngemeinschaften, einzelnen Zimmern oder Bauwagen.

Diese Haushalte können als soziale aber auch als wirtschaftliche "Einheit" bezeichnet werden. Dadurch ist eine Trennung zwischen Privatperson und arbeitender Person nicht mehr möglich (wie dies in der ‚normalen' Wirtschaft meist der Fall ist). In Bereiche der Arbeit (Arbeitsbesprechung o.ä.) wirken soziale Beziehungen hinein und umgekehrt. Die sozialen Interaktionen ‚passieren' im Alltag, ohne daß es eine spezielle Form für das Austragen von Uneinigkeiten und Konflikten geben würde. Eine Vielzahl der sozialen Kontakte und Interaktionen findet während der Mahlzeiten statt, wodurch diese Zeiten von einigen geliebt, von anderen eher kurz gehalten werden.

Zum allgemeinen Konfliktpotential läßt sich sagen, daß es relativ hoch ist im Vergleich zu ‚normalen' Wirtschaftsunternehmen, weil nicht nur auf der arbeitsrechtlichen Ebene Meinungsunterschiede auftreten können, sondern diese ebenfalls auf der freundschaftlichen oder gar familiären Ebene, und durch den ständigen Kontakt auch auf den anderen Ebenen zum Tragen kommen. Grundsätzlich versuchen sich die Mitglieder aber zu tolerieren, die Stärken - aber auch die Schwächen - der anderen zu achten und zu verstehen, was dazu führt, daß Konflikte kaum thematisiert werden. Es wird fast als persönlicher Übergriff gewertet, wenn öffentlich über Fehler der anderen gesprochen wird. Somit arbeitet jeder an sich selbst, seiner Toleranzgrenze, seiner Selbstbeherrschung und den eigenen Fehlern. Nur in wenigen Hofgemeinschaften bestehen Strukturen, nach denen Konflikte bearbeitet werden. Meistens werden sie unter Freunden in zwanglosen Gesprächen besprochen. Manchmal gibt es aber auch Supervision oder Mediation in Betrieben.


2.3Eigene Erfahrungen und Fragestellung (Situationsbeschreibung)

Häufig leidet die Arbeitseffektivität und die Atmosphäre auf Höfen stark unter Konflikten. Diese können menschlich bedingt sein, nämlich daß sich zwei Menschen nicht verstehen, aber auch sachlich, daß z.B. die Organisation des Hofes von jemandem nicht akzeptiert wird, oder daß unterschiedliche Bewertungen der Produktqualität auftreten und sich deshalb einer nie richtig wohl fühlt, usw.

Offensichtlich treten in Hofgemeinschaften immer wieder ähnliche Themen auf, die sich zu Konfliktthemen entwickeln. Oft sind dies Ressourcenkonflikte (Arbeitszeit, Urlaub, Geld...), aber auch die Frage nach der ideellen Ausrichtung des Hofes kann zu heißen Konflikten führen. Manches Mal ist auch die personelle Struktur, im Sozialen sich bildende Hierarchien, Auslöser und Ursache. Relativ unbedeutend sind zwischenmenschliche Konflikte (Telefonat mit H. WOLPERT, MIRA 5.12.01).

Die Facetten der Konflikte sind so vielfältig wie die Menschen selber. Themen finden sich immer wieder neue, der Ablauf von Konflikten ist aber ähnlich, gleichgültig um welches Thema es sich handelt. Der Ablauf ist abhängig von der Person, ob sie eher konfliktscheu oder konfliktfreudig ist, oder ob sie schon den Mittelweg, die Konfliktfähigkeit, entwickelt hat (GLASL 1998). Leider mußte ich in meinem bisherigen Leben immer wieder entdecken, daß die Menschen auf Höfen eher konfliktscheu sind, die Fehler bei sich selber suchen, die eigene Toleranz zu vergrößern suchen und somit Konflikte auch leicht "unter den Teppich kehren". Diese ‚kalten' Konflikte sind schwer aus der Versenkung zu holen, kaum zu ‚bearbeiten', so daß die einzige ‚Lösung' dieser Konflikte in einer Trennung der Menschen besteht - das heißt: Ein Ausstieg aus der HG.

Meines Erachtens nach könnten aber eine Vielzahl dieser Konflikte bearbeitet und als ‚Entwicklungschance' genutzt werden, wenn die Konfliktparteien bereit wären, frühzeitig über ihre Vorstellungen, Ideen, Wünsche, Gefühle zu sprechen und nicht nur die anderen, sondern auch sich selber wahrnehmen und für bedeutend halten würden.


2.4 Einige Beispiele von an Konfliktpotential reichen Themen und Situationen - geschildert nach eigenen Erfahrungen

Hierzu gehören in erster Linie die Arbeitszeitfrage: Wer muß wie lange arbeiten, wann beginnen, ab wann muß ich mich ‚unwohl' fühlen, wenn ein anderer mehr arbeitet als ich? Wie ist das im Verhältnis zu anderen Arbeitsbereichen (Stall - Garten - Acker - Käserei - Bäckerei)? Wie sind Urlaubszeiten geregelt, wer hat bei Urlaubszeitwünschen den Vorrang? Aber auch die Frage um das Geld ist immer wieder ein Knackpunkt. Ist der Bedarf von Person XY wirklich so hoch? Kann ich nicht auch mehr beanspruchen? Haben wir dann insgesamt ausreichend für alle Bedürfnisse (auch die des Hofes)?

Ähnlich schwerwiegend, aber seltener gestellt, ist die Frage der strategischen Ausrichtung. Der Käser hat gekündigt - was nun? Können wir den Bereich irgendwie weiterführen, kann dort vielleicht längerfristig eine angestellte Kraft tätig werden? oder müssen wir diesen Bereich mit allen finanziellen Konsequenzen stillegen? Sollen wir vielleicht ein weiteres Gewächshaus bauen für mehr frühes Gemüse? Könnte die Einführung von Abokisten sinnvoll sein? Widerspricht eine solche wirtschaftliche Ausrichtung nicht unseren Idealen von einem ausgeglichenen Betriebsorganismus oder dem Anspruch an eine möglichst gemeinsam auf dem Hof lebende Hofgemeinschaft, wenn wegen mehr Arbeit zusätzlich Menschen von außerhalb angestellt werden müssen??

Im Bereich des sozialen Gefüges ist immer wieder festzustellen, daß erst nach Weggang der "anerkannt fachlichen und moralischen Autorität ... die Arbeit ...durch die [individuellen] Fähigkeiten und Eigenschaften der Mitarbeiter mitbestimmt" wird. (HOPPE 1990, S. 101). Das weist darauf hin, daß selbst bei einer angestrebten ‚Gleichheit' der Mitarbeiter diese oft nicht gegeben ist (wobei zu bedenken ist, daß sich im Sozialen immer informelle Hierarchien bilden). Das führt leicht zu einem verletzten Rechtsgefühl (GLASL 1997, S. 36) und daher zu einem erhöhten Konfliktpotential. Insbesondere kurz nach einer Übergabe des Familienbetriebes an die Hofgemeinschaft ist der ehemalige Besitzer im Widerstreit zwischen Tradition und Gemeinschaft und hat meist aufgrund seiner langjährigen Erfahrung mit dem Hof eine zumindest fachliche Autorität gegenüber den anderen Hofgemeinschafts - Mitgliedern (JÄGER 2001, S. 102). Ähnliche Konstellationen können aber auch bei Wechseln in der Mitgliedschaft von Hofgemeinschaften auftreten, so daß Neueinsteiger sich leicht ‚bevormundet' fühlen.

Nicht zu vergessen sind persönliche Differenzen, die es natürlich auch immer wieder gibt. Person X kann die Art, wie Person Y sich an den Eßtisch setzt, nicht ausstehen, oder die ausschweifende Art von Person Z zu reden wird als unangenehm und zeitraubend empfunden, usw. Treten solche Ärgernisse wie ‚mit dreckigen Schuhen durchs Haus gelaufen' oder ‚Abwasch nicht gemacht' auf, sind hier Umgangsregeln nicht beachtet worden. Je nach sozialem Stand und Konfliktfähigkeit der Personen können diese Dinge leicht geklärt oder als permanenter Zwang empfunden werden. Dementsprechend variabel ist hier auch das Konfliktpotential.

Auf Familienbetrieben sind sogenannte ‚Generationskonflikte' häufig ein Thema im Zusammenhang mit der Hofübergabe. In Hofgemeinschaften, wo ein Ein- und Ausstieg in die Gemeinschaft nicht mit so gewaltigen finanziellen Werten zusammenhängt (Grund und Boden sind normalerweise Eigentum eines Vereins), sind nicht so tiefgehende Konflikte aufzufinden (JÄGER 2001, S. 102). Auch bei den Kindern ist das Gefühl zum ‚Zwang zur Hofnachfolge' dann nicht gegeben: Sie sind freier.