8 Diskussion - Inwieweit werden die Ergebnisse meiner Studie von der mir zugänglichen Literatur bestätigt?

Ganz zu Anfang der Arbeit wurde darauf hingewiesen, daß es zu besonders vielen Konflikten auf Hofgemeinschaften komme, weil sowohl zusammen gearbeitet als auch zusammen gelebt wird. Es hat sich im Laufe der Arbeit aber zeigen dürfen, daß auf den Höfen damit sehr geschickt umgegangen wird. Es bestehen strikte Trennungen zwischen dem, was Arbeit ist, und dem, was Privat ist. Das war aber nicht immer so, das hat sich im Laufe der Entwicklung von Hofgemeinschaften ergeben, ebenso wie die Trennung der Arbeitsbereiche, daß es nur einen Verantwortlichen pro Bereich gibt, um Konflikte aufgrund unterschiedlicher Arbeitsstile oder Herangehensweisen zu vermeiden. Auch das Problem der ‚gemeinsamen Kasse', aus der sich alle nach Bedarf bedienen dürfen, ist so weit geregelt, daß hier nur selten Konflikte aufgrund ‚knapper Güter' auftreten. Diese Probleme, die sich aus dem Idealismus und die Ansprüche an eine gemeinsame Unternehmung ergeben, sind hier schon gut gegriffen - oder die Ansprüche auf ein ‚annehmbares' Maß zurückgefahren. GLASL sieht ein bedeutendes Konfliktpotential in der häufig noch nicht vorhandenen, aber benötigten "hohen sittlichen Reife" zur Erfüllung des Idealismus, der diese Gruppe von Menschen zusammengeführt hat (siehe S. 36); diesen Mangel habe ich auf den Hofgemeinschaften nicht als bedeutende Ursache für Konflikte finden konnte.

Was aber auf den Höfen noch einiger Arbeit bedarf, ist die Einführung klarer Regelungen und Zuständigkeiten. Da scheint noch ein großes Konfliktpotential auf den Höfen zu bestehen. Aber dies ist auch ein besonders schwer zu bearbeitendes, wenn die Aussage von GLASL (1999, S. 87) zustimmt, daß nämlich besonders Menschen in anthroposophisch orientierten Gemeinschaften "jegliche Einschränkung der persönlichen Freiheit durch Regelungen in der Gemeinschaft ablehnen". Solange die Menschen nicht wirklich eine enorme Toleranz gegenseitig aufbringen können, müssen hier gezwungenermaßen Konflikte auftauchen. Daß einige Menschen auf Hofgemeinschaften festgelegte Regeln nicht gerne haben, ist offensichtlich - sonst gäbe es sicherlich schon mehr davon!

Ein zweites weitverbreitetes Konfliktpotential liegt (besonders bei den älteren Hofgemeinschaften aufgrund der breiter gestreuten Altersstufen und ihrer unterschiedlichen Bedürfnisse an das Leben) an einem nicht immer gemeinschaftlich voll getragenen ideellen Hintergrund der Arbeit oder unterschiedlichen Einstellungen bezüglich der Grundausrichtung des Hofes, welche Ziele ihm am wichtigsten sein sollten. Daran wird wenig gearbeitet. Ich vermute, daß nicht nur die reichliche Arbeit, die auf den Höfen anfällt, Grund für die Vernachlässigung dieser Frage ist, sondern auch, daß nicht alle Lust auf eine sehr schwere, grundlegende Auseinandersetzung in diesem Bereich haben. In diesem Punkt muß ich GLASLs dargestelltes Konfliktpotential betreffs des nicht geteilten Erkenntnisstrebens auch den Hofgemeinschaften zuerkennen. Es darf nicht vergessen werden, daß Ansätze bestehen, gemeinsam etwas zu lesen und darüber zu sprechen, aber daß ein Austausch über die Wahrnehmung der Gemeinschaft und die Unterschiede stattfindet, das wäre mir neu. Das ist mir auch so nirgendwo mitgeteilt worden.

Genauso trifft der weitere Umstand zu, daß die Menschen "zu wenig Erkenntnismut" beweisen bei einer Auseinandersetzung über die persönlichen Wahrnehmungen (GLASL 1999, S. 88). Besonders auf dem einen Hof ist deutlich geworden, daß diese Scheinharmonie besteht, und gerade hier gab es einige verdeckte, kalte Konflikte! Und zwar, wie ich vermute, tatsächlich aus mangelndem Mut oder mangelnder Bereitschaft, sich mit dem anderen auseinanderzusetzen. Auf einem anderen Hof wurde mir davon berichtet, daß man ‚zu viel Harmoniesoße' pflege, anstatt den unterschiedlichen Ansichten und Wahrnehmungen ins Gesicht zu sehen. Das ist absolut kein Einzelfall. Warum wird aber eine solche "Scheinharmonie" betrieben? Ich vermute, weil man dem anderen nicht ‚auf die Füße treten möchte', ihn nicht angreifen will, und das wird deshalb vermieden, weil viele Menschen sich leicht angegriffen fühlen, wenn sie meinen, sie dürften nicht so sein, wie sie wollten, jemand anderes wolle es ihnen abstreitig machen, obwohl das auf den Höfen fast nie der Fall ist. Das scheint, wie GLASL schon andeutet, in Schulen häufiger der Fall zu sein, wo den anderen mit ihren Taten unlautere Motive unterstellt werden oder wo sich ein Teil der Menschen für "besser" hält als die anderen. Vor allem das Unterstellen von unlauteren Motiven würde zu einem heißen Konfliktaustrag kommen, der meiner Erfahrung nach auf den Höfen nur selten der Fall ist.

Wenn ich die Ergebnisse der Arbeit mit den Angaben von KELLNER (1999) vergleiche, die er zu Gründen von Konflikten im Arbeitsfeld nennt, so kann ich feststellen, daß die genannten fünf Gründe (1. Entwicklung und Neuerung im Unternehmen, 2. Widersprüche sachlicher Anforderungen (gut und billig), 3. Rivalität zwischen erfolgreichen und nicht so erfolgreichen Personen, 4. Machtstrukturen, 5. Humanfactor (Mißverständnisse Angst, Pannen) auch auf biologisch-dynamischen Hofgemeinschaften zutreffen. Entwicklungen und Veränderungen, die von jungen Mitgliedern in die Gemeinschaft getragen werden, werden besonders von schon länger auf dem Hof arbeitenden Personen häufig nur widerwillig aufgenommen. Den widersprüchlichen sachlichen Anforderungen ist man täglich ausgesetzt - möglichst rasch so viel wie möglich schaffen, und zwar in guter Qualität, weil es einfach an allen Ecken und Kanten etwas zu tun gibt. Oder: inwieweit müssen wir wirtschaftlich sein, inwieweit können wir unseren sozialen und kulturellen Idealen nachkommen und Arbeiten per Hand verrichten, Arbeit zugunsten von gemeinsamem Singen ruhen lassen... Rivalitäten gibt es zum Glück nur selten, wie ja der Anspruch besteht, jedem seine Freiheit zu lassen, wie er sie braucht. Auch ist ein ‚Aufstieg' im wirtschaftlichen Sinne nicht möglich und nötig, denn finanzielle Bedürfnisse werden nach eigener Bedarfseinschätzung befriedigt, und was das Ansehen einer Person betrifft oder ihre Einflußnahme, so hängt das ganz von der Persönlichkeit ab, ob sie das kann oder nicht, ob sie das überhaupt will oder nicht. Auch die Machtstrukturen sind ungewollt, aber doch kann es aus diesem Grund zu Konflikten kommen, besonders, wenn neue Mitglieder in die Gemeinschaft kommen und sich erst einen Platz in der Gemeinschaft suchen müssen. Einen ganz wichtigen Faktor stellt der ‚Humanfactor' dar. Denn trotz der großen Toleranz, die schon vielfach gelebt wird, kommen immer wieder Mißverständnisse oder ähnliches vor, worüber man in Ärger oder kleinere Auseinandersetzungen geraten kann. Die Frage nach der Abgrenzung zwischen einem Selbst und der Gemeinschaft, wann bin ich wo, stellt sich gerade in Hofgemeinschaften jedem, und jeder muß sich immer wieder damit auseinandersetzen, denn bei der engen Lebens-Gemeinschaft ist es notwendig, eine klare Grenze oder Regelung zu finden.

Was das vielfach so komplizierte laterale Verhältnis betrifft, so ist dieses den gleichen Problematiken unterworfen wie in anderen Organisationen auch. Werden hier die Regeln des ‚Teams' nicht eingehalten, so kann es schnell zu Situationen kommen, in denen nicht mehr wirklich das ‚Team' Entscheidungen im Konsens fällt, sondern wo einzelne Personen die ‚Führung' übernehmen. Daß das nicht sofort und blitzschnell zu eskalierenden, tief wühlenden Konflikten führt, kann ich nur damit erklären, daß einige Menschen sehr tolerant sind, die die Schwächen der anderen Menschen mittragen mögen und können. Das sind eigentlich beste Voraussetzungen für eine ‚Selbsthilfe' bei Konflikten. Die meisten Konflikte befinden sich, meiner Ansicht nach, in der ersten und zweiten, manchmal auch in der dritten Eskalationsstufe nach Glasl, in denen Selbsthilfe noch möglich ist. Deshalb erachte ich es für sehr sinnvoll, daß die Menschen auf den Höfen ihre Fähigkeiten, sich mit Konflikten zu beschäftigen und diese zu lösen, schulen, um das hohe Maß an Konflikten, die häufig einfach toleriert werden, abzubauen und an den bewältigten Konflikten zu wachsen. Das wäre nicht nur für die Verhältnisse im Sozialen hilfreich, sondern auch im Wirtschaftlichen. Denn wenn die Menschen gemeinsam ein Ziel verfolgen, können sie auch im Sozialen viel besser zusammenarbeiten, und das wiederum wirkt sich, entsprechend der Wasserfalltheorie, wieder auf das Wirtschaftliche aus. Das ist offensichtlich. Die Höfe, denen es wirtschaftlich nicht so gut geht, die haben eher kein gemeinsam getragenes Leitbild, und die mit einer gemeinsam getragenen geistigen Basis und Vertrauen und Offenheit im Sozialen, haben weniger Probleme im Finanziellen.

Ich bin froh, wenn die Menschen ihre Ideale und Ansprüche an eine Gemeinschaft ihren eigenen Fähigkeiten anzupassen vermögen und umgekehrt ihre Fähigkeiten entwickeln (ihren Idealen entsprechend), dabei ein gesundes Maß an ertragbarer Herausforderung finden, damit sie den aufkommenden Konflikten gewachsen sind und an ihnen wachsen können!