10 Ausblick

Etwas provokativ möchte ich mal behaupten, die ehemals als ‚alternativ' geplanten (und angesehenen) Höfe, die eher ungeordnet, ohne feste Strukturen und viel Improvisation funktionierten, wo die Menschen eher ‚Friede, Freude, Eierkuchen' machten (oder machen wollten), sind auf dem Weg zu gereiften ‚Organisationen'. Es wird immer mehr Professionalität angestrebt, aber auch Unabhängigkeit von den anderen Mitgliedern der Gemeinschaft, der Bedarf nach Individualität nimmt immer mehr zu. Das steht aber in keiner Weise der notwendigen Rücksichtnahme und dem Bewußtsein vom anderen entgegen. Das Grundkonzept der Hofgemeinschaften liegt ja nicht nur in einem gemeinsamen wirtschaftlichen Ziel, sondern auch in der Befriedigung von sozialen Bedürfnissen, die sich in einer solchen Gemeinschaft ergeben.

Nur was genau macht eine Organisation aus? Was verhilft ihr zu einem dauerhaften Bestehen? Als erstes möchte ich das Gefühl der Zusammengehörigkeit nennen, aber auch Klarheit, Licht. Klare Verhältnisse zwischen den Mitgliedern gehören dazu, klare Verantwortlichkeiten, klar definierte gemeinsame Ziele (was bei der zunehmenden Individualisierung immer schwerer wird), Vertrauen in die Fähigkeiten der Mitmenschen. Weiterhin ist zu bedenken, daß jede Organisation, gerade auch eine Hofgemeinschaft, aus einer Gruppe von Menschen besteht. Und in Gruppen muß man sich des Problems bewußt sein, daß der Mensch gleichzeitig Individualist und Gemeinschaftswesen ist. In jeder Gemeinschaft bilden sich Rollen oder auch Hierarchien aus. Das ist normal und gehört dazu. Nur darf man diese Strukturen nicht gar zu statisch sehen sondern dynamisch. Sie verändern sich mit der Zeit, und um die nötige Freiheit des Individuums in der Gruppe zu gewährleisten, sollte man sich auch trauen, sich über Hierarchien hinwegzusetzen. Bei unklaren Verhältnissen müssen sich daraus gezwungenerweise Konflikte ergeben, aber bei Klarheit und Vertrauen kann das ein Weg zu einem "lebenswerten Leben" sein.


Ich wünsche uns allen, daß wir uns unserer Besonderheit bewußt sind - und dementsprechend einen Weg finden, unsere Individualität in die Gemeinschaft einzubringen, ohne an den Problemen, die damit verbunden sind (in Form von Konflikten, Auseinandersetzungen, Streitereien), hängen zu bleiben, sondern daran zu lernen, mit ihnen konstruktiv umzugehen und sie zu nutzen.